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Rede des Präsidenten der Ukraine Herrn Wolodymyr Selenskyj im Bundestag
Veröffentlicht am 18 März 2022 Jahr 12:24

17.03.2022, Kyjiw - Berlin

Rede des Präsidenten der Ukraine Herrn Wolodymyr Selenskyj im Bundestag


Sehr geehrte Frau Präsidentin Göring-Eckardt.
Sehr geehrter Herr Scholz.
Sehr geehrte Damen und Herren Abgeordnete, Gäste, Journalisten.
Deutsches Volk!
Ich wende mich an Sie nach drei Wochen eines umfassenden Einmarsches der russischen Truppen in die Ukraine, nach acht Jahren Krieg im Osten meines Staates, im Donbas.
Ich wende mich an Sie, während Russland unsere Städte bombardiert, alles zerstört, was es in der Ukraine gibt. Alles: Wohnhäuser, Krankenhäuser, Schulen und Kirchen. Mit Raketen, Luftbomben und Raketenartillerie.
Innerhalb von drei Wochen sind Tausende von Ukrainer ums Leben gekommen. Die Besatzer haben 108 Kinder getötet. Mitten in Europa, bei uns, im Jahr 2022.
Ich wende mich an Sie nach zahlreichen Treffen, Verhandlungen, Erklärungen und Bitten. Nach Schritten zur Unterstützung, von denen ein Teil zu spät kommt. Nach Sanktionen, die offensichtlich nicht ausreichen, um diesen Krieg zu stoppen. Und nachdem wir gesehen haben, wie viele Verbindungen Ihre Unternehmen zu Russland noch aufrecht erhalten. Mit einem Staat, der Sie und einige andere Länder einfach ausnutzt, um den Krieg zu finanzieren.
In den drei Wochen des Kampfes um unser Leben, um unsere Freiheit, haben wir uns davon überzeugt, was wir schon früher gespürt hatten. Und was Sie wahrscheinlich noch nicht alle spüren.
Aber Sie sind scheinbar wieder hinter einer Mauer. Ja, nicht hinter der Berliner Mauer, sondern einer mitten durch Europa, einer zwischen Freiheit und Unfreiheit. Und diese Mauer wird mit jeder Bombe, die auf unser Land, auf die Ukraine fällt, immer fester, mit jeder Entscheidung, die nicht um des Friedens willen getroffen wird, die von Ihnen versäumt wird, obwohl sie hilfreich sein könnte.
Wann ist das passiert?
Verehrte Politiker,
Verehrtes deutsches Volk,
Warum ist das möglich? Als wir Ihnen sagten, die Nord Streams seien eine Waffe und Vorbereitung auf einen großen Krieg, hörten wir als Antwort, dies sei doch nur Wirtschaft. Wirtschaft. Wirtschaft. Aber dies war der Zement für eine neue Mauer.
Als wir Sie fragten, was die Ukraine tun sollte, um Mitglied der NATO zu werden, um in Sicherheit zu sein, um Sicherheitsgarantien zu erhalten, hörten wir als Antwort: Eine solche Entscheidung liegt vorerst nicht auf dem Tisch und wird es auch nicht in absehbarer Zeit. So wie es für uns auch keinen Stuhl an diesem Tisch gibt. Genauso zögern Sie auch jetzt die Frage eines Beitritts der Ukraine zur Europäischen Union hinaus. Offen gesagt, für manche ist das Politik, aber in Wirklichkeit sind das Steine. Steine für eine neue Mauer.
Als wir um präventive Sanktionen baten, wandten wir uns an Europa, wir wandten uns an viele Länder, wir wandten uns an Sie - baten um solche Sanktionen, damit der Aggressor spürt, dass Sie eine Kraft darstellen. Doch wir sahen ein Hinauszögern. Wir spürten Widerstand. Wir haben verstanden, dass Sie weiterhin Wirtschaft machen wollen. Wirtschaft. Wirtschaft.
Und jetzt sind die Handelswege zwischen Ihnen und dem Staat, der wieder brutalen Krieg über Europa gebracht hat, der Stacheldraht über jener Mauer. Über der neuen Mauer, die Europa trennt.
Und Sie sehen nicht, was hinter dieser Mauer ist, sie steht zwischen uns, zwischen den Menschen in Europa. Und deshalb spüren Sie nicht alle, was wir heute durchmachen.
Ich spreche zu Ihnen im Namen der Ukrainer, ich spreche zu Ihnen im Namen der Bewohner von Mariupol, den friedlichen Bewohnern einer Stadt, die von russischen Truppen blockiert und dem Erdboden gleichgemacht wird. Sie zerstören dort einfach alles. Alles und alle, die dort sind. Hunderttausende Menschen stehen rund um die Uhr unter Beschuss. Ohne Lebensmittel, Tag und Nacht ohne Wasser, ohne Strom und Tag und Nacht ohne Kommunikationsverbindungen. Und das seit Wochen.
Die russischen Truppen machen keinen Unterschied zwischen Zivilisten und Militär, wo zivile Objekte sind, alles wird als Ziel betrachtet.
Das Theater, in dem Hunderte Menschen Unterschlupf gesucht hatten, und gestern zerbombt wurde, eine Entbindungsklinik, ein Kinderkrankenhaus, Wohngebiete ohne militärische Einrichtungen - sie zerstören alles. Rund um die Uhr. Und sie lassen keine humanitären Transporte in unsere blockierte Stadt. Seit fünf Tagen stellen die russischen Truppen den Beschuss nicht ein, nur um die Rettung unserer Bevölkerung zu verhindern.
Sie können all dies sehen, wenn Sie sich über jene Mauer erheben.
Wenn Sie sich daran erinnern, was die Berliner Luftbrücke für Sie bedeutet hatte, die man einrichten konnte, weil der Luftraum sicher war. Sie wurden nicht vom Luftraum aus getötet, so wie jetzt in unserem Land, wo wir nicht einmal eine Luftbrücke einrichten können! Vom Himmel fallen nur russische Raketen und Luftbomben.
Ich wende mich an Sie im Namen der älteren Ukrainer, vieler, die den Zweiten Weltkrieg überlebt haben, die vor 80 Jahren während der Besatzung ihr Leben haben retten können, die Babyn Jar überlebt haben.
Babyn Jar, wo Bundespräsident Steinmeier letztes Jahr zu Besuch war, anlässlich des 80. Jahrestages der Tragödie. Und dort sind jetzt russische Raketen eingeschlagen. Gerade an diesem Ort. Dabei wurde eine Familie getötet, die zur Gedenkstätte Babyn Jar ging. Wieder getötet, 80 Jahre später.
Ich appelliere an Sie im Namen aller, die gehört haben, wie Politiker jedes Jahre gesagt haben: "Nie wieder." Und die nun gesehen haben, dass diese Worte nichts wert sind. Denn wieder wird in Europa versucht, ein ganzes Volk zu vernichten, alles zu zerstören, dank dessen wir leben und wofür wir leben.
Ich appelliere an Sie im Namen unseres Militärs, das unseren Staat und damit auch die Werte verteidigt, von denen überall in Europa, überall - auch in Deutschland - immer wieder gesprochen wird.
Freiheit und Gleichheit. Die Möglichkeit, frei zu leben, sich nicht einem anderen Staat zu unterwerfen, der fremdes Land als seinen "Lebensraum" betrachtet. Warum muss unser Militär das alles ohne Ihre Menschenführung verteidigen? Ohne Ihre Stärke? Warum stellen sich Staaten jenseits des Ozeans für uns als nahestehender heraus als Sie?
Weil dies eine Mauer ist. Eine Mauer, die manch einer nicht bemerkt, aber auf die wir aufschlagen, während wir für die Rettung unseres Volkes kämpfen.
Meine Damen und Herren!
Deutsches Volk!
Ich bin allen, die uns unterstützen, dankbar. Ich bin Ihnen dankbar, den einfachen Deutschen, die den Ukrainern in Ihrem Land aufrichtig helfen. Den Journalisten, die ihre Arbeit ehrlich machen und all das Böse aufzeigen, das Russland über uns gebracht hat. Ich bin den deutschen Geschäftsleuten dankbar, die Moral und Menschlichkeit über Buchhaltung stellen, über die Wirtschaft. Wirtschaft. Wirtschaft. Und ich bin den Politikern dankbar, die trotz alledem versuchen... versuchen, diese Mauer zu durchbrechen, und die sich zwischen russischem Geld und dem Tod ukrainischer Kinder fürs Leben entscheiden, und die eine Verschärfung der Sanktionen gegen Russland unterstützen. Dies kann Frieden garantieren, Frieden für die Ukraine, Frieden für Europa.
Die nicht zögern, Russland von SWIFT abzukoppeln. Die wissen, dass ein Handelsembargo gegen Russland notwendig ist, auf die Einfuhr von allem, was diesen Krieg sponsert. Die wissen, dass die Ukraine in der Europäischen Union sein wird, da sie schon mehr Europa ist als viele andere.
Ich bin allen dankbar, die sich über jede Mauer erheben können, und die wissen, dass der Stärkere größere Verantwortung trägt, wenn es um die Rettung von Menschen geht.
Es ist für uns schwierig, ohne Hilfe der Welt, ohne Ihre Hilfe standzuhalten. Es ist schwierig, die Ukraine, Europa zu verteidigen, ohne das, zu dem Sie fähig wären, ohne das, was Sie machen könnten, um nicht auch nach diesem Krieg zurückblicken zu müssen, nach der Zerstörung von Charkiw... Zum zweiten Mal in 80 Jahren. Nach der Zerstörung von Tschernihiw, Sumy und des Donbas. Zum zweiten Mal in 80 Jahren. Nach der Folter und Tötung Tausender Menschen. Zum zweiten Mal in 80 Jahren. Was ist dann die historische Verantwortung, für die gegenüber dem ukrainischen Volk immer noch nicht Buße getan wurde für das, was vor 80 Jahren geschah?
Und jetzt - damit nicht eine neue Verantwortung entsteht, hinter der neuen Mauer, die wieder Buße verlangen wird.
Ich appelliere an Sie und erinnere Sie daran, was nötig ist. Es ist das, ohne was Europa wird nicht überleben und seine Werte nicht bewahren können.
Der ehemalige Schauspieler und Präsident der Vereinigten Staaten Ronald Reagan sagte einst in Berlin: “Reißen Sie diese Mauer nieder”!
Und ich will ich Ihnen jetzt sagen:
Herr Bundeskanzler Scholz! Reißen Sie diese Mauer nieder.
Geben Sie Deutschland Führung, die Sie verdienen, und auf die Ihre Nachkommen stolz sein werden.
Unterstützen Sie uns.
Unterstützen Sie den Frieden.
Unterstützen Sie jeden Ukrainer.
Stoppen Sie den Krieg.
Helfen Sie uns, ihn zu stoppen.
Ruhm der Ukraine!



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